Östliche GorillasArtikel Östliche Gorillas

Christoph Lübbert: Uganda/Ruanda/Zaire 1996

Kategorie: Reiseberichte, Ruanda, D. R. Kongo, Uganda, Kahuzi-Biega, Virunga-Nationalpark, Vulkan-Nationalpark, Berggorillas, Ausgabe 1

Ziel meiner Reise vom 9. Februar bis 3. April 1996 war die Gewinnung aktueller Informationen für mein Reisehandbuch Uganda und Ost-Zaire, das im Oktober erscheinen wird. Um vom kollaptischen Transportsystem in Zaire unabhängig zu sein, bewegte ich mich vorwiegend mit dem Fahrrad.

Mgahinga-Nationalpark, Uganda
Ich bestieg den Vulkan Muhavura (4127 m) und gewann dabei einen ausgezeichneten Eindruck von der Lage im Park. Bei der Auffahrt mit dem Fahrrad wurde ich von mehr als 100 Bewohnern (vor allem Kindern) der parknahen Ortschaften begleitet. Sie blieben aber hinter der mit einer Hecke markierten Parkgrenze zurück, so daß ich ungestört zum Ausgangscamp für den Muhavura aufsteigen konnte. Ich werte dies als deutlichen Beweis für die gute Akzeptanz der Parkgrenzen bei der Bevölkerung.
Die Führung zum Muhavura-Gipfel war sachkundig und angenehm; über Funk fand ein regelmäßiger Kontakt zum Nationalparkbüro in Kisoro statt. Wir sahen in der Zone 2 mehrere Büffel aus größerer Entfernung. Die in Zaire habituierte Gorillagruppe Nyakagezi hielt sich im Februar und März fast ständig im Mgahinga-Park auf, oft innerhalb der Zone 2. Meist waren die Besuche dieser Gruppe ausgebucht.

Das neue Ruanda
Beim Grenzübertritt gibt es oft penetrante Zollkontrollen, und an den wenigen Straßensperren fällt das starke Interesse der Militärposten an Schriftstücken und persönlichen Dokumenten auf, die "spionageverdächtig" erscheinen. Der Umgangston ist distanziert, aber höflich.
Bereits auf den ersten Kilometern bekommt man einen Eindruck vom neuen Ruanda. Viele kleinere Ortschaften wirken noch etwas verlassen, Kriegsspuren sind vielfach zu erkennen. Auffällig viele ugandische Fahrzeuge verkehren auf den Straßen, ein Indiz für die Herkunft vieler "Neu-Ruander". Tatsächlich sprechen jetzt mehr Soldaten und Offizielle Englisch, doch ist ihr Anteil immer noch verschwindend gering.
Die Straßen sind exzellent und die Sicherheitslage in der Regel gut. Lediglich im Grenzgebiet zu Zaire ist die Lage teilweise kritisch; die Straßen nach Kibuye am Kivusee gelten als vermint und gefährlich. In den grenznahen Gemeinden bestehen noch Ausgangssperren. Insgesamt hat die Aktivität ruandischer Interahamwe-(Hutu-)Milizen und der Minenexplosionen aber deutlich abgenommen. Erkauft wird die Sicherheit mit starker Militärpräsenz der Tutsi, besonders nach Einbruch der Dunkelheit.
Sehr lebhaft und weitgehend wiederaufgebaut ist Ruhengeri, der Ausgangspunkt für Besuche im Parc National des Volcans; Kriegsspuren sind kaum noch zu erkennen. Auch das Krankenhaus und die Präfektur sind komplett wieder instandgesetzt.
Die Gorillabesuche im Park müssen beim ORTPN (der ruandischen Nationalparkbehörde) in Kigali gebucht werden, dies kann auch telefonisch über das Park-Hauptquartier in Kinigi geschehen. Ausgangspunkt für den Gorillabesuch ist die Präfektur in Ruhengeri, wo man sich morgens trifft. Häufig kann noch kurzfristig eine Besuchserlaubnis erworben werden, sofern Restplätze frei sind oder Buchungen nicht wahrgenommen werden. Ein Gorillabesuch kostet 126 US-$, für Inhaber einer internationalen Studentenkarte 95 US-$.
Das Park-Hauptquartier in Kinigi ist zumindest baulich wieder intakt, wurde jedoch häufig geplündert. Die Räumung des Parks von Minen gilt als abgeschlossen, aber die patrouillierenden Wildhüter und die Touristengruppen werden immer noch von bewaffneten Soldaten begleitet - zum Schutz gegen Wilderer und Milizionäre, die aus Zaire eindringen.
Von den für Touristen habituierten Gorillagruppen hielt sich Ende Februar allein die Suza-Gruppe dauerhaft auf der ruandischen Seite des Karisimbi auf, die Sabinyo-Gruppe wechselte häufig über die Grenze nach Zaire, die Gruppen 9, 11 und 13 waren bereits seit längerer Zeit auf die zairische Seite der Virungavulkane übergesiedelt.
Mein Besuch der Suza-Gruppe ermöglichte einen vagen Eindruck von der Situation im Park. Auffällig waren die vielen Spuren und Pfade in der kulturlandnahen unteren Parkzone, die wahrscheinlich von Holzsammlern und Wilderern stammen. Auch Kotspuren und Trittsiegel von Haustieren gab es vereinzelt, und wir sammelten während unseres Aufstieges mehrere Wildererschlingen ein.
Nach 4 Stunden erreichten wir auf 3300 m Höhe mit Funkkoordination die zuvor lokalisierte Gruppe, die Ende Februar 28 Mitglieder umfaßte, darunter drei Silberrücken. Zwei sehr junge Tiere hatten sich Anfang des Jahres in Schlingen verfangen und wurden dabei verletzt bzw. verstümmelt. Die Gorillas wirkten nervös, und es kam trotz großer Vorsicht und sehr guter Führung gleich mehrfach zu deutlichen Drohgebärden der Silberrücken. Offensichtlich wird die Suza-Gruppe häufig größeren Besucherzahlen ausgesetzt, zumal da sie an vielen Tagen die einzige in Ruanda verfügbare Gruppe ist. So waren am Vortag 13 Touristen dorthin aufgestiegen, nachdem die Sabinyo-Gruppe über Nacht die Grenze nach Zaire überschritten hatte.
Katastrophal ist hingegen die Situation im Akagera-Nationalpark. Er gilt als leergeschossen, und zudem machen große Rinderherden, die zurückkehrende Altflüchtlinge aus Uganda mitgebracht haben, den verbliebenen Wildtieren den Lebensraum streitig. Dem Nordteil des Schutzgebietes wurde mittlerweile der Nationalpark-Status entzogen.
Gisenyi wirkt ausgestorben, fast gespenstisch, Banken und Hotels sind jedoch überwiegend wieder geöffnet. An der Grenze nach Goma finden langwierige Kontrollen statt, jeder Kubikmillimeter des Gepäcks wird umgedreht. Wie an anderen Übergängen versuchen die Beamten, Geld für ein nicht erforderliches Visum zu schinden.
An der Grenze trifft man die ersten Pendelbusse des UNHCR, die jeden Tag Hutu-Flüchtlinge aus den Lagern bei Goma nach Ruanda zurückbringen sollen - sie sind allerdings weitgehend leer. Die Zahl der täglich aus Zaire nach Ruanda zurückkehrenden Hutu-Flüchtlinge liegt nach UNHCR-Angaben bei 40-60 gegenüber ungefähr
100 Tutsi-Altflüchtlingen. Diese stammen vor allem aus der Masisi-Region westlich von Goma, wo seit einiger Zeit ruandische Interahamwe-Milizen mit ethnisch motivierten Säuberungen begonnen haben.

Flüchtlinge und Gorillas in Zaire
Auf der Zaire-Seite wird ähnlich minutiös kontrolliert, und von Journalisten und NGO-Mitarbeitern werden erhebliche Geldzahlungen verlangt. Goma ist ein Schatten seiner selbst, vollkommen verwahrlost und heruntergekommen, auch die Hotels sind häufig in einem erschreckenden Zustand.
Paradoxerweise hat die Einrichtung der Flüchtlingslager zu einer Ankurbelung der Wirtschaft geführt. Neben den Devisen der zahlreichen NGO- und UN-Mitarbeiter, die in die Region geströmt sind, tragen wohl vor allem die Geschäfte mit den Flüchtlingen selbst dazu bei. Seit Oktober 1993 ist der "Neue Zaire" (Nouveau Zaire) die gültige Währung, und immerhin sank die Inflation von mehr als 10000% auf 2000%. Staatsdiener und Soldaten werden so gut wie nicht mehr bezahlt, so daß Korruption und Wegelagerei der Soldaten ein kaum vorstellbares Ausmaß angenommen haben. Da ihre Bezahlung weitgehend von den Bürgern, wohlhabenden Händlern und auch dem UNHCR übernommen wird, ist es nicht mehr zu größeren Plünderungen gekommen.
Dennoch fühlt man sich in Goma nicht sicher, da marodierende Soldaten und jugendliche Banden die Nacht gefährlich machen. Hinzu kommen Terrorakte von ruandischen Milizen in Grenznähe, die rückkehrwillige Flüchtlinge abschrecken sollen.
Mit dem Schiff ging es weiter nach Bukavu zum zairisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt im Kahuzi-Biega-Nationalpark. Bukavu ist ähnlich herabgewirtschaftet wie Goma, doch viel sicherer. Etwa 300000 Flüchtlinge leben bei Bukavu (nach UNHCR-Angaben) in mehreren kleinen Lagern weit außerhalb. Das Lager Kachusha mit ca. 100000 Ruandern liegt als einziges in der Nähe des Parks, einige Kilometer unterhalb des Eingangs bei der Station Tshivanga. Der Zustand der Straße Bukavu-Kisangani, die durch den alten Parkteil führt, hat sich weiter verschlechtert.
Die Arbeit der deutschen technischen Zusammenarbeit im Projekt "Integrierter Naturschutz Ostzaire" (Projekt PNKB/GTZ) läuft seit Freigabe der Mittel Anfang 1995 wieder voll, und dank des engagierten Einsatzes der Projektmitarbeiter konnten Flüchtlinge und Milizen aus dem Park ferngehalten werden. Die regelmäßige Bezahlung der Wildhüter durch die GTZ bildet die Basis für deren motivierten und ausgezeichneten Einsatz. In den 5 Tagen, die ich im Park verbrachte, festigte sich der gute Eindruck von der Naturschutzarbeit, die hier geleistet wird, und stets trafen wir auf unseren Ausfahrten nach Kasirusiru und zum Mt. Biega, Kalonge, Tshibati und zum Mt. Kahuzi patrouillierende Wildhütergruppen.
An der Station Tshivanga am Parkeingang steht jetzt ein neues Besucherzentrum, und komfortable moderne Gästebungalows sind in Planung. Allerdings fehlen aufgrund der Anwesenheit der Flüchtlinge die Besucher, die diese Einrichtungen nutzen sollen.
Von den vier habituierten Gorillagruppen hat die Nindja-Gruppe mit derzeit 29 Mitgliedern die größte Anziehungskraft. Die Gruppe von Maheshe (seine Tötung wurde von Pygmäen im Auftrag eines Geschäftsmannes aus Kavumu 1993 arrangiert) wird jetzt von seinem Sohn Maheshe II geleitet.
Mit dem Kleinflugzeug ging es zurück nach Goma, von dort aus wieder mit dem Fahrrad auf der Straße Richtung Rutshuru nach Tongo im südlichen Teil des Virunga-Nationalparks. Von den mehr als 700000 Flüchtlingen um Goma lebt die überwiegende Mehrzahl in den drei großen Lagern Kibumba, Katale und Kahindo, die an der Straße Goma-Rutshuru liegen, bzw. im Lager Mugunga westlich von Goma. Nach der Einrichtung der Lager sind dem Holz- und Kohlebedarf dieser Menschen nach Angabe der Nationalparkverwaltung 10-15% des Waldes im Park zum Opfer gefallen, und ein noch größerer Teil ist stark gestört und gelichtet. Hilfsorganisationen, u. a. die GTZ, versorgen die Lagerbewohner mit Eukalyptusholz, das in der Umgebung eingeschlagen wird. Die Entwaldung der Kulturlandschaft ist daher enorm. (Anmerkung der Redaktion: Im Mai wurde im Virunga-Park offenbar wieder verstärkt Holz eingeschlagen.)
Das Lager Kibumba zieht sich bis zu den Hängen des Karisimbi hin und ist damit nicht weit vom Berggorillagebiet entfernt. Nördlich von Rumangabo grenzen die Lager Katale und Kahindo unmittelbar an den Virunga-Park. Auf der 17 km langen Fahrt nach Tongo von Kalengera aus durch vulkanischen Tropenwald sahen wir ganze Scharen von Flüchtlingen, die sich auf der Piste auf der Suche nach Wasser, Holz und Tieren bewegten.
In Tongo war ich seit vielen Wochen der erste Besucher und traf die Wildhüter nachmittags etwas angetrunken an. Am folgenden Tag erhielt ich eine kompetente Führung zu der habituierten Schimpansengruppe und erkannte, daß die Begeisterung für die Tiere trotz unzureichender Bezahlung und der Machtlosigkeit gegenüber der Flüchtlingsflut immer noch vorhanden ist.
Ich nahm den Eindruck mit, daß auch die Situation im Virunga-Nationalpark bei vernünftigen Gehältern und Neueinstellungen von Wildhütern besser beherrschbar wäre. Ein erschreckendes Maß hat die organisierte Wilderei in den Savannengebieten um Rwindi und Ishango am Edwardsee erreicht. Nach Angaben der GTZ sind in den vergangenen 2 Jahren allein ca. 11000 Flußpferde abgeschossen worden. Die Wilderer gehen mit äußerster Brutalität vor und besitzen moderne Waffen und Fahrzeuge.
Zum Abschluß meines Zaire-Aufenthaltes besuchte ich Djomba, eine Ausgangsstation für Berggorillabesuche, um die Situation dort zu erkunden - vor allem nach der Tötung der Gorillas. Die Station wird regelmäßig von Touristen besucht und war im März vom kleinen Grenzübergang Bunagana in nur 7 km Entfernung von Uganda aus schnell und sicher zu erreichen. In Bunagana traf ich die einzigen freundlichen und kooperativen Soldaten und Zöllner der gesamten Zaire-Reise. (Anmerkung der Redaktion: Im Mai wurde die Grenze zwischen Uganda und Zaire gesperrt; ob sie mittlerweile wieder passiert werden kann, ist nicht bekannt.)
Das in der Nähe der Grenzstation 1995 gefundene Gorillajunge konnte in die Rugabo-Gruppe integriert werden und ist wohlauf. Um eine Wiederholung der Ereignisse von 1995 zu verhindern, bewachen spezielle Wildhütertrupps die habituierten Gorillagruppen jetzt rund um die Uhr. Die Führung der ehemaligen Salama-Gruppe in Bukima, deren Leiter getötet wurde, hat ein anderer Silberrücken aus der gleichen Gruppe übernommen.
Trotz des enormen Druckes auf die zairische Sektion der Virungavulkane scheint auch hier eine gewisse Stabilisierung der Lage erreicht worden zu sein. Mit einfachen Mitteln wie neuen Uniformen und besserer, geregelter Bezahlung wäre den immer noch motivierten Wildhütern bereits deutlich geholfen, die Neueinstellung weiterer könnte wie im Kahuzi-Biega-Park zur Sicherung der Parkgrenzen führen.

Christoph Lübbert