Östliche GorillasArtikel Östliche Gorillas

Konkurrenz und Rangordnung

Kategorie: Bwindi, Uganda, Berggorillas, Verhalten, Ökologie, Gorilla Journal, Ausgabe 51

Ein Mitglied der Kyagurilo-Gruppe (© Edward Wright)

Das Leben in Gruppen hat große Vorteile, aber es bedeutet auch Nahrungskonkurrenz. Je nach Vorkommen, Angebot und Qualität bestimmt die Nahrung die Beziehungen und die Sozialstruktur einer Tiergesellschaft - davon gehen zumindest sozioökologische Modelle aus.

Diese Modelle erklären recht erfolgreich die vielfältigen Gruppenstrukturen bei Primaten, die unterschiedlichen Gruppengrößen, das Geschlechterverhältnis und soziale Interaktionen wie Dominanz, Aggression und Verwandtschaft. Sind die bevorzugten Nahrungsquellen zum Beispiel so verteilt, dass ein Individuum oder wenige den Zugang kontrollieren können, dann haben dominante Tiere einen Vorteil auf Kosten schwächerer Gruppenmitglieder. Nehmen ranghöhere Tiere mehr oder hochwertigere Nahrung auf, können sie sich auch erfolgreicher fortpflanzen.

Bislang sind diese Modelle wissenschaftlich nicht belegt. Es fehlen Studien, die zeigen, dass Nahrungsquellen kontrolliert werden und dass sich dies auf die Nahrungskonkurrenz, die Energieaufnahme und den Fortpflanzungserfolg der Gruppenmitglieder auswirkt. Gorillas bieten sich für solche Studien an, da sie verschiedene Lebensräume bevölkern. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob unterschiedliche Habitate zu unterschiedlichem Sozialverhalten führen.

Wir haben deshalb zwei Berggorilla-Populationen verglichen: die in den Virungas und die in Bwindi. Beide Populationen ernähren sich von krautiger Vegetation, die reichlich zur Verfügung steht. Die Dominanzbeziehungen sind in beiden Populationen schwach ausgeprägt, aber über lange Zeit stabil. Es gibt Hinweise, dass höherrangige Frauen sich erfolgreicher fortpflanzen. Ob dies mit höherer Energieaufnahme zusammenhängt, ist aber unbekannt.

Über ein Jahr machten wir detaillierte Beobachtungen zur Nahrungsaufnahme von sechs Gorillafrauen der Kyagurilo-Gruppe im Bwindi-Wald und analysierten den Nährstoffgehalt der Hauptnahrungspflanzen. Mit diesen Analysen konnten wir abschätzen, wie viel Energie den Tieren zur Verfügung stand. Wir erfassten zudem die Anzahl der erwachsenen Gorillafrauen, die in der Nähe der beobachteten Tiere ihre Nahrung suchten, und überprüften, ob sie die Nähe von Höherrangigen beim Essen mieden. Auch die Häufigkeit von Aggressionen notierten wir.

Wir fanden heraus, dass der Rang keine Rolle bei der Auswahl bzw. dem Energiegehalt der aufgenommenen Nahrung spielte. Allerdings hatten höherrangige Frauen bei der Nahrungsaufnahme weniger Nachbarn als solche mit niedrigerem Rang. Sie bewegten sich weniger und nahmen ihre Nahrung rascher auf. Insgesamt verfügten sie damit über mehr Energie, und zwar ohne eine Kontrolle über energiereiche Futterpflanzen wie Früchte auszuüben und ohne sich aggressiv zu verhalten.

Dies bedeutet, dass Frauen mit niedrigem Rang schlechter bei der Nahrungskonkurrenz abschneiden als höherrangige Tiere - selbst wenn der Zugang zu energiereicher Nahrung nicht kontrolliert wird. Wir konnten damit belegen, dass es auch in Gruppen mit schwach ausgeprägten Dominanzbeziehungen Nahrungskonkurrenz gibt, die schwächere Tiere benachteiligt. Die Vermeidungsstrategien der rangniedrigen Tiere erklären ihr schlechteres Abschneiden bei der Nahrungssuche und sind damit unter Umständen für ihre geringeren Fortpflanzungsraten verantwortlich. Bisher wurden ungleiche Fortpflanzungserfolge in Gruppen in erster Linie mit der sozialen Stellung ihrer Mitglieder bzw. mit ihrem Dominanzverhalten erklärt.

Edward Wright, Andrew M. Robbins und Martha M. Robbins